Was ist eine Borderline-Störung?

Bei der Borderline-Störung handelt es sich um ein komplexes Syndrom, bei welchem tief greifende Störungen der Emotionsregulation, des Selbstbildes und der zwischenmenschlichen Interaktion zusammen wirken. Die Störung beginnt meist in der mittleren Adoleszenz. In vielen Fällen bessert sich die Symptomatik im Laufe der Jahre. Risikofaktoren für Chronifizierung sind zusätzlicher Drogen- und Alkoholabusus, das Vorliegen einer Posttraumatischen Stresserkrankung und hohe soziale Ängstlichkeit.

Die meisten Patienten berichten über Zustände rasch einschießender, äußerst unangenehmer Anspannung, die dann mittels Selbstverletzungen, Essanfälle, Drogen, Alkohol oder Hochrisiko-Verhalten vorübergehend beendet werden.

Wie entsteht eine Borderline-Störung?

Die Borderline-Störung entsteht als Folge eines komplexen Wechselspiels zwischen neurobiologischen Mechanismen, traumatischen Erfahrungen in der Kindheit, Problemen im zwischenmenschlichen Bereich und sog. dysfunktionalen Verhaltensmustern, die sich kurzfristig als effektiv erwiesen, aber langfristig zur Destabilisierung beitragen.

Über die genetische Veranlagung ist wenig bekannt. Wesentlich klarer ist die Datenlage hinsichtlich der traumatischen Erfahrungen: So berichten etwa 60% der weiblichen Patienten über frühe, anhaltende Missbrauchserfahrungen, meist durch nahe Familienangehörige. Etwa 40% berichten über körperliche Gewalt und Gewalt zwischen den Eltern. Hinzu kommt häufig emotionale Vernachlässigung. Die Symptomatik beginnt dann meist in der Pubertät: Ein zunehmendes Gefühl der Fremdheit gegenüber sich selbst, dem eigenen Körper und gegenüber Anderen, intensive, lang anhaltende Emotionen, die Unfähigkeit, sich selbst zu beruhigen, Schwierigkeiten, alleine zu sein und das tief greifende Gefühl „anders zu sein, als alle Anderen“… All dies führt oft zu heftigen Konflikten mit Eltern, Schulkameraden oder Partnern. Hinzu kommen Verhaltensmuster, die entweder unmittelbare Folgen dieser Störung der Emotionsregulation sind, oder Eingesetzt werden, um diese kurzfristig zu lindern: Suizidversuche, Selbstverletzungen, Alkohol und Drogen, Essstörungen usw. Unspezifische Therapieansätze, insbesondere unter stationären Bedingungen führen dann häufig zur Chronifizierung und sich ständig wiederholenden Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Lücken in der Ausbildung, Verluste des Arbeitsplatzes und Frühberentungen sind die logische Konsequenz und tragen zum Weg in die soziale Isolation bei.

Wie wird die Borderline-Störung diagnostiziert?

Die Diagnose der Borderline-Störung nach DSM-V erfordert zunächst, dass die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllt sind: Die überdauernden Erlebens- und Verhaltensmuster sollten mehrere Bereiche von Kognition, Affektivität, Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen und Impulskontrolle so stark beeinträchtigen, dass weite Bereiche der persönlichen und sozialen Situation beeinträchtigt sind. Zudem sollten diese Muster in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen.

Neben diesen allgemeinen Kriterien, müssen 5 der neun folgenden Kriterien über einen Zeitraum von mindestens 5 Jahren erfüllt sein (bei jugendlichen Patienten entsprechend kürzer)

Affektivität

  • unangemessene starke Wut oder Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z. B. häufige Wutausbrüche, andauernder Ärger, wiederholte Prügeleien)
  • affektive Instabilität, die durch eine ausgeprägte Orientierung an der aktuellen Stimmung gekennzeichnet ist
  • chronisches Gefühl der Leere

Impulsivität

  • Impulsivität in mindestens 2 potenziell selbstschädigenden Bereichen (z. B. Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, Fressanfälle)
  • wiederkehrende Suiziddrohungen, -andeutungen oder -versuche oder selbstschädigendes Verhalten

Kognition

  • vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome
  • Identitätsstörungen: eine ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst

Interpersoneller Bereich

  • verzweifeltes Bemühen, reales oder imaginäres Alleinsein zu verhindern
  • ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen

Für die operationalisierte Diagnostik der BPS gilt derzeit das IPDE (International Personality Disorder Examination) als Instrument der Wahl. Da komorbide Störungen wie Suchterkrankungen, posttraumatische Belastungsstörungen oder affektive Störungen den Verlauf und die Prognose und damit auch die Therapieplanung erheblich beeinflussen, ist deren vollständige Erfassung mithilfe eines operationalisierenden Instruments (SKID I) dringend anzuraten. Der Schweregrad der Symptomatik kann mit der Borderline-Symptom-Liste (BSL -23) einen störungsspezifischen Selbstrating Instrument erfasst werden.

Wie wird Borderline-Störung behandelt?

Der erste Schritt zur Behandlung ist, wie immer, zunächst Diagnostik und umfassende Aufklärung über die Störung. Die meisten Betroffenen reagieren darauf sehr erleichtert. Derzeit wurden 4 störungsspezifische Therapie-Verfahren entwickelt und evaluiert. Die bekannteste, und wissenschaftlich am besten abgesicherte Methode ist die Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT) nach M. Linehan. Insbesondere im stationären Bereich, bei Jugendlichen, und in der Forensik ist dieses Verfahren auch das einzige, für das kontrolliert randomisierte Studien vorliegen. Daneben wurden von Bateman und Fonagy die „Mentalization Based Therapy“, sowie von J. Young die „Schema-orientierte Therapie“ entwickelt. Für beide Verfahren liegen erste Studienergebnisse vor. Die Wirksamkeit der von O. Kernberg entwickelten „Übertragungsfokussierten Therapie“ hingegen ist noch nicht belegt.

Patienten und Angehörige sollten sich dringend bemühen, so früh als irgend möglich, in den Genuss einer störungsspezifischen Therapie zu gelangen. Alle anderen Therapien bergen ein nicht unerhebliches Risiko, eher zur Chronifizierung beizutragen. Patienten, die zusätzlich unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PBS) schweren Essstörungen oder Drogen und Alkoholabhängigkeit leiden, sollten sich einer stationären Spezialbehandlung unterziehen. Auf der Web-Site des Dachverbandes DBT können die Behandlungsmöglichkeiten eingesehen werden (www:dachverband-dbt.de)

Ganz wichtig!

Der erste, und wohl schwierigste Schritt ist, die Störung rechtzeitig zu erkennen und sich um eine adäquate Therapie zu kümmern. Jugendliche, oder junge Erwachsene, die sich regelhaft selbst verletzen, um dadurch intensive unangenehme Gefühle zu blockieren, die zudem das Gefühl tief greifender Einsamkeit und Fremdheit haben, sollten sich dringend therapeutische Hilfe suchen. Der zweite Schritt ist, sich zu vergegenwärtigen, dass Drogen, Alkohol, Selbstverletzungen, Essstörungen und Suizidversuche die Symptomatik nur verschlechtern. Es gibt sehr hilfreiche Borderline-Selbsthilfe-Beratungen (/www.borderline-netzwerk.info; www.borderlinetrialog.de;), von sog. Suizidforen ist aber dringend abzuraten! Der dritte Schritt ist die kooperative Arbeit in der Therapie: Offenheit, der Mut Krisen auszuhalten, stationäre Aufenthalte nur in Absprache mit dem Therapeuten einzugehen und darauf zu verzichten, vielfältige Hilfsangebote bei verschiedenen Beratern, Sozialarbeitern, Therapeuten, die dann nichts von einander wissen, in Anspruch zu nehmen. Immer aber sollte man versuchen, die Verantwortung für sein eigenes Leben und auch für eine erfolgreiche Therapie in die Hand zu nehmen, und möglichst wenig an das psychiatrische Versorgungssystem zu deligieren.